Schlimmer als Kaffeefahrten: Wie Senioren in Sachsen ausgenommen werden

Die mehr als zweifelhaften Methoden bei Kaffeefahrten sind inzwischen bekannt. Es geht darum, Wünsche und gesundheitliche Beschwerden von vornehmlich älteren Menschen aufzugreifen und die dazu perfekt passenden Problemlöser zum Schnäppchenpreis anzubieten. Die angebotenen Produkte sind meistens von minderer Qualität, völlig überteuert und oft wertlos. Leider entwickeln sich die handelnden Personen offensichtlich weiter und versuchen nun, Senioren sogar regelmäßige Geldzahlungen für zwielichtige Gegenleistungen aus der Tasche zu ziehen.

Früher Rheumadecken – heute Gewinnlose, Handyverträge und angebliche Gesundheitspillen

Im Raum Dresden tauchen seit einigen Jahren in diesem Zusammenhang nach Recherchen der Sächsischen Zeitung immer wieder zwei vorbestrafte Unternehmer auf. Einer von ihnen ist der 38-jährige Michael Kühn, der offensichtlich größten Wert darauf legt, unentdeckt zu bleiben. Auf Anfragen zu Interviews, ob persönlich oder schriftlich, gibt es keine Antworten. Der zweite Name ist Herr Marc Alzen, der eine eigene Website betreibt. Dort gibt der 40-Jährige vor, sich auf einer ausgedehnten Weltreise zu befinden und lädt die Besucher im Netz ein, seine Eindrücke mitzuerleben. Wie die Sächsische Zeitung berichtet gründeten die beiden 2009 das Direktvertriebsunternehmen Mobile Generations Network GmbH, abgekürzt MGN. Die Mitarbeiter riefen bevorzugt Senioren an. Dabei verkauften sie erfolgreich Abonnements für „Premium-Gesundheitsprodukte“, Stromverträge, Handyverträge sowie Gewinnspiele.

Bei Kaffee und Kuchen wurden Senioren verleitet, Verträge zu unterschreiben

Geprellte Kunden berichten, dass ein Vertreter sie immer persönlich besucht habe. Er habe nett geplaudert und hin und wieder sogar den Kuchen zum Kaffee mitgebracht. Die MGN hatte bis 2020 ihren Sitz in Dresden-Laubegast, ganz in der Nähe von Marc Alzens Wohnsitz. Sucht man heute das Unternehmen unter der Anschrift, trifft man hin und wieder Nachbarn, die vom plötzlichen Verschwinden berichten. Die Inhaber selbst sollen ohnehin kaum zu sehen gewesen, berichtet die Sächsische Zeitung. Nachbarn geben sich überzeugt, dass in der Firma betrogen wurde. Schließlich wurden in der Zeit viele Menschen im Hof angetroffen, die sich wütend beschweren wollten.

Verbraucherzentrale Sachsen verlieh 2015 bereits dem Unternehmen MGN den Negativpreis „Prellbock“

Die Verbrauchzentrale stellt bereits fest, dass insbesondere älteren Menschen in vielen Teilen Sachsens schamlos abzockt wurden. Der Nutzen der per telefonischer Kaltakquise angepriesenen Nahrungsergänzungsmittel (Gesund + Fit Vitalkapseln) sei laut der Verbraucherschutzorganisation sehr fraglich. Monatliche Abos über beispielsweise 49,95 Euro wurden mit Laufzeiten von 24 Monaten verkauft. Ließen die Geprellten die Abbuchungen zurückgehen oder versuchten sie, das Geschäft zu widerrufen, gab es darauf grundsätzlich keine Antwort. Sobald keine Zahlungen mehr eingingen, reagierte das Unternehmen mit Inkassoschreiben.

Sozialversicherungsbeiträge wurden nicht bezahlt

Die Sächsische Zeitung berichtet, dass die Verkaufspraktiken der MGN in den Jahren 2016 und 2018 von den Landgerichten in Dresden und Leipzig untersagt wurden. Die beiden Inhaber Marc Alzen und Michael Kühn mussten sich einem Verfahren wegen des Vorenthaltens von Arbeitsentgelt in 131 Fällen stellen, was 2014 eingestellt wurde. Ebenso verlief ein Betrugsverfahren 2016 ohne Ergebnis. In einem Verfahren, in dem es um das Nichtbezahlen von Sozialversicherungsbeiträgen ging, wurden sie schließlich 2019 verurteilt.

Bereits vor dem Urteil hatten die Inhaber ihr Unternehmen in DVM Deutsche Vertriebsmanagement GmbH umbenannt. Der Geschäftszweck blieb der gleiche. Der zuletzt veröffentlichte Jahresabschluss von 2018 weist einen Gewinnvortrag von 229.000 Euro aus. Die Firmensitze wurden inzwischen in ein Bürohaus gegenüber dem Seidnitz-Center verlegt. Ein Phänomen erinnert an andere zweifelhafte Firmensitze: An nur einem Briefkasten sind 94 Firmennamen zu erkennen.

Plötzlich gibt es ein Immobilienunternehmen mit einer Bilanzsumme von 4,6 Millionen Euro

Ende 2020 soll sich, nach Angaben der Sächsischen Zeitung, Herr Marc Alzen von den Firmen getrennt haben, der er bis dahin gemeinsam mit Michael Kühn geführt hatte. Offensichtlich ist er jetzt schwerpunktmäßig für das Unternehmen Imaro Hausverwaltung GmbH tätig. Das Immobilienunternehmen leitet er gemeinsam mit einem weiteren Geschäftsführer. Ein Blick in die veröffentlichte Bilanz für 2019 zeigt eine Bilanzsumme von 4,6 Millionen Euro und einen ausgewiesenen Gewinn von 125.500 Euro.

Die Frage, ob möglicherweise die Einkünfte aus dem zweifelhaften Direktvertrieb die Grundlage für den geschäftlichen Neustart waren, wurde den Reportern der Sächsischen Zeitung ebenso nicht beantwortet wie viele andere. Zumindest stellte sich bei der Gelegenheit heraus, dass sich Herr Marc Alzen nicht auf Weltreise befindet, wie auf seiner persönlichen Website angegeben. Der große weiße Mercedes‑Coupé‑Geländewagen mit seinen Initialen ziert den Imaro‑Firmensitz. Nachdem eine junge Frau die Tür öffnet, gibt sie zunächst an, Herr Alzen sei anwesend. Anschließend hört der Reporter der Sächsischen Zeitung die Stimme eines Mannes mit dem Hinweis, dass Anfragen nur schriftlich erwünscht seien. Alzens Anwalt meldet sich nach einigen Stunden mit der Bitte, Anfragen grundsätzlich nur an ihn zu richten. Wie zu erwarten, gibt jedoch auch der Anwalt keine Auskünfte.

Zurück bleibt bei dem Geschäft ein ungutes Gefühl: Die handelnden Personen sind die gleichen – nur geht es jetzt um größere Summen.

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